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48 Stunden ohne PC – ein Bericht voller Qualen

Was würde passieren, wenn man einem Schwerhörigen sein Hörgerät wegnimmt, oder einem menschlichen Maulwurf seine Brille? Sie würden urplötzlich von der Außenwelt abgeschnitten, alleine, ohne Freunde und nur mit den eigenen Gedanken beschäftigt. Mir ging es ähnlich, denn ich musste 48 Stunden auf meinen innig geliebten PC verzichten.

Uns zwei verbindet eine langjährige Freundschaft, ach was, eine Liebesbeziehung, die schon alle Höhen und Tiefen mitgemacht hat. Ich habe das Stück ausgetauscht, es verflucht, geliebt und meine schönsten Abende damit verbracht.

Doch es kam, wie es kommen musste. Urplötzlich, ohne vorher herum zu zicken, die Scheidung zu verlangen, oder mich aus dem Bett zu werfen, hat mein Rechner den Geist aufgegeben. Altersschwäche? Sofort leitete ich Erste-Hilfe-Maßnahmen ein. Ich versuchte in zu reanimieren. Habe in seinen Eingeweiden herumgewühlt und alles in meiner Macht stehende getan. Doch es schien, als hätte das Herz seinen Geist aufgegeben. Ein Spender-Netzteil musste her! Glücklicherweise stand mein PC auf der Spenderliste ganz oben und so konnte ich umgehend für Ersatz sorgen. Doch das neue Netzteil wurde abgestoßen. Wie es aussah musste der Patient zu einem Spezialisten und so habe ich ihn schweren Herzens an einen Fachkollegen weiter gereicht.

Nun begann eine Zeit voller Ungewissheit. Wird er es schaffen? Wird er danach noch immer der Gleiche sein, werden wir wie früher lachen können? Währenddessen wurde mir schmerzlich bewusst, wie abhängig ich von diesem Mistkerl war. Hat mir jemand geschrieben? Eine wichtige Email vielleicht, in der mich der Präsident zu einem Staatsbankett einlädt und ich verpasse es nun, weil ich nicht an meinen Rechner kann! Oder die Welt ist untergegangen und ich konnte auf Facebook nicht nachlesen, ob es nur ein Scherz ist.

Ok, beruhig dich, schau dir einen Film an….aaah scheisse! Alle Filme sind auf dem Rechner! Ein Teufelskreis. Also habe ich das Unmögliche gewagt. Mit zitterndem Finger habe ich den Knopf auf der Fernbedienung gedrückt, um den Fernseher zur Mittagszeit anzumachen. Auf das, was mich hier erwartete, war ich nicht vorbereitet. Sozialhilfeempfänger mit dem IQ einer Kartoffel bekommen Kinder und werden dabei gefilmt. Schauspieler lassen sich von noch schlechteren Laiendarstellern in stümperhaft aufgestellten Gerichtskullissen anschreien und Auswanderer brechen sich die Zunge beim Bestellen einer Nutte in einem thailändischen Puff. Das Elend war zum Greifen nahe.

Nachdem ich, geschockt von dem Fernsehangebot und der offensichtlichen, menschlichen Verdummung, zwei Stunden in der Fötalstellung auf der Couch verbracht habe und dabei Punkte an der Decke zählte, musste ich eine Beschäftigung finden. Was machen Menschen ohne Computer? Wäsche waschen und Abwasch waren schnell erledigt und mir wurde klar, warum manche Menschen so sauber leben. Sie haben einfach kein soziales Leben und finden keine andere Beschäftigung. Ich ging letztlich dazu über zu lesen. Der Wahnsinn, wie scharf und kontrastreich diese Buchstaben auf dem – eeeh…wie heißt das noch gleich, ach ja – Papier dargestellt werden. Man sieht gar keine Pixel.

48 Stunden später, es waren gefühlte Wochen, in denen ich vom Nabel der Welt abgeschnitten war, kann ich euch nun berichten, dass es meinem Rechner wieder gut geht. Wir zwei haben uns vertragen und beschlossen zu heiraten. Mit Ehevertrag versteht sich. Solange er nicht abstürzt, Organversagen hat, oder von Parasiten befallen wird, verspreche ich ihn nicht durch ein neueres, schlankes und attraktiveres Modell zu ersetzen. Auch darf ich nur mit Smartphones fremdgehen, eine lang umkämpfte Klausel, bei der ich mich letztlich durchsetzen konnte, indem ich versprach meinen PC öfter zu streicheln und auch mal in den Arm zu nehmen.