Abends 20 Uhr in der U-Bahn Jan11

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Abends 20 Uhr in der U-Bahn

Vorhang auf für die Freakshow. Die menschlichen Abgründe, die sich hier auftun, sind zu gleichen Teilen erschreckend, als auch belustigend. Als Dante Alighieri von seine „Göttlichen Komödie“ schrieb, meinte er sicher nicht das hier, wird aber mit den verschiedenen Stufen zur Hölle ähnliches im Sinn gehabt haben. Ich befinde mich nun gerade auf Stufe vier.

Mir schräg gegenüber sitzt Rolf. Ich weiß nicht, ob er tatsächlich Rolf heißt, aber er sieht wie ein Rolf aus. Das Gesicht ist eine Mischung aus Dachs und Ente. Wahrscheinlich eine misslungene Kreuzung bei Genexperimenten, die dann, als man sah, dass es schlecht war, gegen die Wand geklatscht wurde. Offensichtlich hat Rolf es überlebt. Die zu groß geratenen Schmolllippen würden ihn fast sympathisch erscheinen lassen, wäre da nicht dieser verrückte Blick. Kein „Ich bring dich um”-Blick, eher ein „Ich will dir mein ganzes Leben erzählen und dein bester Freund werden“-Blick. Gleichzeitig fingert er in seinem kleinen Notizbuch herum, als wäre es das Allerheiligste einer Frau. Gleich neben ihm haben wir Dagmar. Ich war immer in dem Glauben, Frauen hätten nicht solche Haarausfallprobleme wie Männer. Sie überzeugte mich jedoch eines Besseren. Ihre zu hoch geratene Stirn betont gekonnt diesen unrühmlichen Fauxpas. Auch die buschigen Augenbrauen kontrastieren ganz hervorragend zu ihren rabenschwarzen Augenringen. Das Sahnehäubchen ist ihre ungemein maskuline Ausstrahlung, gepaart mit den äußerst männlichen Gesichtszügen. Nun, vielleicht erklärt das auch den Haarausfall. Ein Abteil weiter streiten sich gerade Kevin-Pasqual und Tschaqueline. Seine Augen sind mittlerweile vom Suff so glasig, dass man daraus die Zukunft vorhersagen könnte. Ihr hervorstechendstes Merkmal ist, neben der ausgesprochenen Hässlichkeit, wohl das neon-pinkfarbene Schuhwerk. Eine Mischung zwischen Trend –und Laufschuh. Obwohl ich mir sicher bin, dass diese Frau in ihrem Leben nie schneller als 5 Km/h lief, außer evtl. zum Kühlschrank. Was wiederum Rückschlüsse auf ihren Freundeskreis zulässt. Wer einenFreund so rumlaufen lässt, muss entweder blind sein, oder ihn abgrundtief hassen.

Ich freu mich schon auf meine nächste U-Bahn fahrt, abends um 20 Uhr.

Bildquelle: unkreatives (from Deviantart)